Noch keine Normalität in der Eurozone - CEE-Länder übertreffen Wachstum der Eurozone
Mittwoch, 22.06.2011.
15:20
Die Normalität auf den Finanzmärkten ist auch drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch nicht ganz zurückgekehrt. Zusätzlich zu den herrschenden Nachwehen haben die Ereignisse in Japan, der hohe Ölpreis sowie die Verschuldungskrise der Euro-Peripherie die Situation in der Eurozone weiter erschwert, erklärte Erste-Group-Analystin Gudrun Egger am Montag bei der Präsentation des aktuellen Konjunktur- und Kapitalmarktausblickes des Instituts in Wien.
Erfreulich hätten sich in der ersten Phase der wirtschaftlichen Erholung aber die Exporte entwickelt. "Selbst Länder mit einem traditionell hohen Leistungsbilanzdefizit wie zum Beispiel Spanien konnten davon profitieren", so die Leiterin der Abteilung Major Markets & Credit Research der heimischen Großbank. "Auch wenn die Exportdynamik etwas abflauen könnte, erwarten wir heuer weitere positive Beträge der Nettoexporte zum BIP-Wachstum von zwei Prozent."
Für das Exportwachstum werde die Entwicklung in Schwellenländern wie China entscheidend sein, gleichzeitig sei in Ländern der Kern-Eurozone die Innennachfrage wieder in Schwung gekommen. "Die Inflation sollte wegen der Rohstoffpreisanstiege zwar kurzfristig noch hoch bleiben, mittelfristig sollte sich das Niveau aber wieder auf rund zwei Prozent einpendeln", schätzen die Erste-Group-Analysten.
Um Zweitrundeneffekten wie Lohn- und Preiserhöhungen auf breiterer Basis entgegenzuwirken, sollte die EZB im Juli und im November den Leitzins um je 25 Basispunkte anheben, 2012 sollte es angesichts des niedrigen wirtschaftlichen Wachstums und der moderaten Inflation eine längere Pause bei einem Leitzins von etwa 2,0 Prozent geben. "Der Rentenmarkt wird sich in der Eurozone weiter volatil verhalten. Bis Jahresende sollten Renditen von Anleihen mit kurzen Laufzeiten wegen der Zinserhöhungen leicht ansteigen, am langen Ende (10-jährige Laufzeiten, Anm.) sollten die Renditen nahezu stabil bleiben."
Langsames Wachstum in den USA
In den USA fielen die Konjunkturdaten im zweiten Quartal "deutlich schwächer als erwartet" aus, so die Analysten. Das langsame Wachstum sei auf die lange Zeit hoher Ölpreise sowie die Japan-Katastrophe zurückzuführen.
Für das zweite Halbjahr sei eine Besserung zu erwarten, dennoch werde die Erholung nur langsam voran schreiten. Als Grund dafür wird das nach wie vor existierende Überangebot am Immobilienmarkt genannt, wo erst 2013 mit einer Normalisierung zu rechnen sei. "Inflationsdruck sehen wir in den USA aktuell keinen. Wir rechnen für 2011 - genau wie in der Eurozone - mit etwa 2,6 Prozent", so Rainer Singer vom Fixed Income Research der Erste Group. Bisherige Treiber der Inflation waren Energie- und Nahrungsmittelpreise.
Die Erholung der US-Wirtschaft sei zwar langsam, aber doch im Gange, und ein Ende der extrem expansiven Geldpolitik scheint absehbar. "Die Erste Zinsanhebung um 25 Basispunkte wird die Fed voraussichtlich im ersten Quartal 2012 durchführen", so Singer. "Der Anleihenmarkt ist noch sehr hoch bewertet, denn die Risiken der US-Fiskalpolitik scheinen derzeit noch nicht eingepreist zu sein.
Einigt sich die US-Politik bis Ende August nicht auf eine Erhöhung des Verschuldungslimits, steht ein Zahlungsausfall der öffentlichen Hand im Raum. Daher werden US-Treasuries derzeit nicht als besonders attraktive Investition gesehen."
CEE-Länder übertreffen Wachstum der Eurozone
In den CEE-Ländern verläuft die wirtschaftliche Erholung laut Erste-Experten nach ähnlichem Muster wie im Euroraum. Der Konjunkturaufschwung sei bisher von den Exporten angeführt worden, deshalb hätten offene Volkswirtschaften wie etwa die Tschechische Republik oder die Slowakei - mit sehr engen Beziehungen zur deutschen Industrie - besonders profitiert. "Die Wachstumsdynamik ist nicht gleichmäßig über die gesamte Region verteilt. Ähnlich wie in der Eurozone setzte der Aufschwung in CEE-Ländern, die vor der Krise hohe Leistungsbilanzdefizite hatten, später ein", so die Analysten.
Die IWF-Pakete der letzten zwei Jahre hätten zum Abbau dieser Defizite aber stark beigetragen. "Im ersten Quartal überwand Rumänien als eines der letzte Länder dieser Region endlich die Rezession. Somit ist nur mehr Kroatien in den roten Zahlen, dort sollte der Aufschwung aber im zweiten Quartal langsam einsetzen."
Das Wirtschaftswachstum in CEE wird für 2011 von den Erste-Group-Experten auf 3,2 Prozent geschätzt; rechne man die Türkei noch dazu, seien es sogar 3,8 Prozent. In der Türkei und in Polen dürfte sich das Wachstum im kommenden Jahr aber wieder abschwächen.
Grundsätzlich profitiere die Region sehr stark von den geringen Staatsverschuldungen, bis auf Polen (Defizit 2010: 7,9 Prozent). "Dort wurden Konsolidierungsmaßnahmen auf die lange Bank geschoben und müssen jetzt in Angriff genommen werden, was sich konjunkturdämpfend auswirken wird", schätzen die Erste-Analysten. Längerfristige Inflationsängste seien in CEE aktuell nicht zu erwarten.
Die Anleihenmärkte würden sich großteils positiv entwickeln: Trotz der Turbulenzen bei Staatsanleihen konnten zahlreiche CEE-Länder ihre Eurobonds auf den ausländischen Märkten gut platzieren. "Unserer Einschätzung nach zögern die Ratingagenturen noch mit der Rücknahme der Herabstufungen dieser Länder, bis weitere Beweise für die nachhaltige Erholung in der Region erbracht wurden", so Analyst Rainer Singer.

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