Öko-Musterstadt in der Wüste – Erste CO2- und müllfreie Zone in der Welt
Mittwoch, 18.03.2009.
14:14
Ungefähr 17 kilometer von der Hauptstadt Abu Dhabi entfernt und westlich vom Abu Dhabi Internationalen Flughafen entsteht die ökologisch nachhaltig geplante Masdar City, in der Kohlenstoffdioxid-Emissionen soweit es geht vermieden werden sollen. Autos sollen hier verboten werden, dafür ist eine Straßenbahn geplant, die die Stadt auch mit dem nahe gelegenen Abu Dhabi verbindet. Nahrungsmittel sollen in der Gegend organisch angebaut werden, der Müll recycelt und Abwasser wiederverwendet werden. Für die Stromgewinnung ist zum größten Teil Solarkraft geplant, das Wasser soll aus einer solarbetriebenen Entsalzungsanlage kommen.
Der britische Stararchitekt Lord Norman Foster entwirft die CO2-neutrale Metropole, die sechs Quadratkilometer groß sein wird. Foster hat bereits Erfahrung mit nachhaltigem Bauen. In Berlin realisierte er zum Beispiel eine grüne Bibliothek für die Freie Universität, in Duisburg entwarf er einen Masterplan für eine energiearme Stadt, und in Libyen arbeitet er an einem Öko-Tourismusprojekt. Noch nie aber hatte er die Chance, eine Metropole von Grund auf nach ökologischen Kriterien zu planen.
Die Scheichs haben ein Budget von 22 Milliarden Dollar. Vier Milliarden sind für die Infrastruktur der neuen Polis vorgesehen. Für den Rest haben sie sich etwas Innovatives einfallen lassen. Neben Direktinvestitionen will sich Abu Dhabi das Geld nämlich mit Hilfe eines Finanzierungsmechanismus beschaffen, der sich auf das Kyoto-Protokoll stützt. Darin verpflichten sich die Industrieländer, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Abu Dhabi steigt nun ins Geschäft mit handelbaren Emissionszertifikaten ein. In der Fachwelt spricht man von "carbon finance". Damit sind Investitionen in Treibhausgas-Minderungsprojekte gemeint, mit denen die gewonnenen Emissionsreduktionen handelbar gemacht werden. Mit anderen Worten: Der Umweltschutz soll einen Teil der grünen Stadt finanzieren.
Gespart wird nicht nur Energie, sondern auch Wasser. Im Vergleich zu traditionellen Städten werde der Konsum weniger als halb so groß sein, versprechen die Planer. Was sich auch auf die Energiebilanz auswirken dürfte: Wasser wird am Golf aus energetisch aufwendigen Entsalzungsanlagen gewonnen.
Auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern werden einmal 50.000 Menschen wohnen und arbeiten. Der Erstbezug ist für das Jahr 2016 geplant. Masdar City wird sich selber durch erneuerbare Energien versorgen. Die Wasserversorgung ist mit solarbetriebenen Entsalzungsanlagen geplant, insgesamt soll es nur noch einen Energieaufwand von 25 % pro Kopf verglichen mit dem heutigen Verbrauch geben. Durch ein eigenes Solarkraftwerk soll Masdar City weitgehend energieautark sein. Die Menschen die in den geplanten 1.500 Firmen in Masdar City arbeiten, werden mit elektrischen Kabinenbahnen befördert werden. Mann kann auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeitsstelle fahren, die aber nicht mehr als 200 Meter entfernt sein soll. Auch an den anfallenden Müll wurde gedacht. Es soll praktisch keinen geben. Entweder man verwertet diesen wieder oder kompostiert ihn. Ein großer Teil des Mülls soll auch in Energie umgewandelt werden.
Im Sommer steigt die Lufttemperatur bis 49 Grad und man musste eine umweltfreundliche Lösung für die Kühlung finden. Die wichtigsten Anregungen für die Ökostadt in der Wüste kommen aus der Geschichte und Kultur arabischer Städte. Enge, verwinkelte Gassen erzeugen viel Schatten, so dass sich die Stadt nicht aufheizt. In der Altstadt von Damaskus oder Tunis braucht man keine Klimaanlagen. Der Hauptarchitekt Gerard Evenden gab deshalb große Autobahnen und Verkehrsstraßen auf. Die Gebäude sind durch schmale Straßen getrennt (fast Gehwege). Sie spenden die Schatten und minimieren auf diese Weise solare Energieeinträge. Laut Aussage eines Ingenieurs wird die Temperatur in der neuen Stadt um rund 20° C niedriger sein als noch heute.
Natürlich müssen die Einwohner nicht wie in der Steinzeit leben, sondern bekommen Strom aus der Steckdose. Der kleine aber feine Unterschied ist, dass ausschließlich Strom aus umweltverträglichen Wind- und Photovoltaikanlagen genutzt wird. Spezielle Pumpen sollen zudem mit Hilfe von Bodensonden die Kälte tiefer Erdschichten an die Oberfläche befördern und dadurch den Energiebedarf für die Klimaanlagen senken.
Die Öl-Scheichs am Golf denken langfristig und bereiten sich heute schon auf eine Zeit ohne Öl vor. Um im Geschäft zu bleiben, wollen sie ihren Energie-Protz in ein weltweit führendes Zentrum für saubere Energie verwandeln. In Masdar-City soll deshalb als erstes eine technische Hochschule einziehen, die sich ausschließlich erneuerbaren Energien widmet. Das "Masdar Institute of Science and Technology" hat dazu in Kooperation mit dem MIT einen speziellen Lehrplan entwickelt. Die ersten 100 Studenten starten in diesem Herbst. Alle mit hochwertigen Projekte und konkreten Business-Plänen können sich um finanzielle Unterstützung des staatlichen Unternehmens "Masdar Initiative" bewerben.
Außer dem Institut sollen in der Stadt zahlreiche Fabriken, Kinos, Cafes, Schulen und andere Institutionen gebaut werden. Die Stadt soll eine zollfreie Zone sein, was saubere Technologie au der ganzen Welt anziehen soll. Investoren glauben 1 500 Unternehmen anlocken zu können, von der größten internationalen Gesellschaften bis kleien Unternehmen. „General electric“ kündigt bereits den Bau eines 4 000 m2 großen Gewerberaums an.
In der Wüste bei Abu Dhabi wird sich die Zukunft der Energieversorgung entscheiden, direkt über den zur Neige gehenden größten Ölfeldern der Welt. Noch sind in Masdar City viele Probleme zu lösen. Aber wenn das Experiment der ersten kompletten Öko-Stadt funktioniert, brauchen wir das Öl vielleicht irgendwann gar nicht mehr.
(Anmerkung: Artikel übernommen aus der Tageszeitung Blic 1.03.2009.)

Izdanje Srbija
Serbia Edition
Izdanje BiH
Izdanje Crna Gora